Der Moment des Lichts
eine herbstgeschichte fuer alle

es ging ein leichter ruck durch die kleine, schwarz- und orangefarbene rettungsinsel, ich muss wo gegengetrieben worden sein. Ich schob meinen kopf durch den gummivorhang. Vor mir lag ein strand. Mit vielen steinen. Ich war nicht mehr auf see, die wochenlange schaukelei hat ein ende.

Es praesentierten sich gruene Palmen, huefthohes gestruepp, einiges an schildkroeten, allerlei trockenes treibholz.

Ich kletterte an land. Es schaukelte noch alles in meinem kopf -das menschliche gleichgewichtsorgan in den ohren würde noch std brauchen um sich umzugewoehnen. Ich wankte, das licht blendete, ich musste mal; denn ich wollte nicht in die rettungsinsel machen.


Frohlockender uebermut machte sich breit, ich schnappte mir flugs eine wasserschildkroete. Ihre groeße sagte mir, dass sie viel aelter als ich sein musste. Ich schenkte ihr eine innige umarmung, sie war die erste lebende kreatur nach 2 wochen einsamkeit. Mit eingezogenem kopf ließ sie es ueber sich ergehen. Ich drehte mich und schrie sie an:
"Eine insel!"
Vorsichtig setzte ich sie ab.

Ich muss mir dabei beide knoechel verstaucht haben, jedenfalls merkte ich einen stechenden, graesslichen schmerz und konnte nur noch robben.

Die schildkroete rannte weg, ich hasste sie. Dieses undankbare, von der erde ausgekotzte, in seiner eigenen scheiße lebende haeufchen kacke von schildkroete.
Jetzt, wo ich am boden liege, stolziert sie arrogant und herablassend in den zauberhaft schoenen sonnenuntergang. Ihren widerlichen scheißpanzer trug diese verwoehnte inselprinzessin wie eine krone.

Lange nachdem es dunkel war, erreichte ich einen flachen, schwarzen stein, der, weil er waerme speichert, gut ist. Ich schlief ein, waehrend ich das gelaechter der tierwelt ueber meine ungeschicklichkeit hoerte. Sie waren ueberall. In der kokospalme ueber mir saß eine affenbande und der warme stein wurde von waranen, mit ihren spoettischen grinsemuendern zum schlafen genutzt. Eine gruppe tropischer schmetterlinge kiecherte.
Die freude über die insel war verflogen.

Mit diesen einsichten fiel ich in einen tiefen schlaf. Am naechsten morgen fuehlten sich meine knoechel schon wieder besser an. War ich vllt etwas wehledig? Nein. An den gelenken hatte sich die haut dunkel verfaerbt.

Ein wohltuender verband aus algen und blutegeln ermoeglichte einen erkundungsspaziergang; eine trinkwasserquelle und eine steinhoehle waren schnell gefunden.

Ein vorhang aus palmenblaettern und eine liege aus bambusstangen, sowie ein kleiner brennholzvorrat sorgten für einen kurzen moment der behaglichkeit.

Dann stand er ploetzlich direkt vor mir: ein riesiges koalamaennchen. Seine pelzigen muskeln zuckten vor alarmbereitschaft und angriffsfreude. Er hatte einen dicken strauss aus euralyptuszweigen dabei, die er zur demonstration seiner kraft auseinanderriss und in die luft warf.

Wir - der baer und ich - standen in einem regen aus blaetterschnipseln; der 30cm große und etwa 15kg schwere baerentitan sprang mit ausgestreckten armen und beinen an meine kehle. Ich fiel nach hinten über und den bodenkampf, in dem der baer mein gesicht attackierte, entschied das tier für sich. Der kompakte, flauschige baerenkoerper polierte mir die fresse und würgte abwechselnd. Mit seinen nach eukalyptus duftenden daumen, quetschte er meine augaepfel - ich war blind und streckte meine haende aus. Ich spuerte die puscheligen ohren, dann biss er in meine finger. Der warme, rote saft pumpte aus meinen wunden.

Der baer gab sich seinem blutrausch hin und kam irgendwie hinter mich um mich in den schwitzkasten zu nehmen. Seine achselhöhlen rochen ebenfalls nach eukalyptus.
Dann verlor ich das bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, konnte ich kaum atmen, wie als wenn etwas schweres auf mir lag. Es war wieder nacht. Durch die kaelte spuerte ich meine arme und beine nicht mehr. Aber ich war muede und schlief ein.


Am naechsten morgen wurde ich von der sonne aufgeweckt, die durch die baumkronen durchschien. Ich atmete tief durch und die luft duftete nach tropischen moosen, exotischen blumen und nach meiner trinkwasserquelle.

In meinem gesicht war das blut verkrustet, mir tat alles weh. Meine finger konnte ich auch nicht richtig bewegen, weil dann die blutkruste wieder aufginge.
Ich wusch mich, so gut es ging.

Danach legte mich in die sonne, um meinen vitamin-a haushalt aufzufuellen. Dann heilen auch die stellen besser, meine laune wuerde sich verbessern und ich wuerde schneller gesund, stellte ich mir vor.

Nach einigen std voller gedanken ueber meine existenz, die welt und die gesellschaft schlief ich ein.

Am nachmittag wurde ich durch ein rascheln geweckt. Ein busch wackelte verdaechtig, als wenn er gerade jemandem als versteck diente.

Ich hatte etwas angst; ist der pruegelnde koala zurueck?

Ein heftiger schlag auf den hinterkopf fegte meine zweifel weg. Er war wiedergekehrt; staerker und boshafter als am abend zuvor. Der busch war ganz klar ne ablenkung um sich von hinten ranzuschleichen. Mir wurde schwarz vor augen und ich fiel in den sand.
Den aggressor nannte ich fortan "die aequatorfaust"

Als ich wieder zu mir kam, war es wieder nacht. Das atmen war fast unmoeglich. Ich konnte mich nicht bewegen, aber mir war sehr warm.

In dieser nacht war vollmond. Ich schaute an meiner schulter vorbei, indem ich etwas den kopf anhob: Der baer war da. Es waren noch mehr baeren da. Sie nutzen mich zum waermen. Der große koalabaer hatte sich auf meinem ruecken zusammengerollt, ein etwas kleineres weibchen lag auf meinen beinen und ein junges auf meinem po.
Ich MUSSTE es einfach anpupsen. Es hob den kopf und schlief betroffen ein.

Auf dieser insel gab es keine feinde für diese baerenfamilie, denn koalabaeren schlafen zur sicherheit auf baeumen. In diesem darwinistischen mikrokosmos, haben sich besondere verhaltensweisen ausgebildet, unter denen ich diese nacht zu leiden hatte. Ich musste mir respekt verschaffen, denn die baeren keine angemessene  furcht vor dem menschen.

Am naechsten morgen verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Ich war wieder frei.

Die folgenden tage suchte ich am strand einige schwere steine zusammen und flocht mir koerbe aus naturmaterial. Eine verbindungsstange ermoeglichte mir meine brust- und armmuskulatur zu trainieren - eine hantel!
Im licht der untergehenden sonne feilte ich an den schlagtechniken, den drehungen aus der huefte und schnellen ausweichbewegungen. Zum ausklang des trainings noch 25min springseil, was ich aus einer selbstgeflueckten liane selbst gebaut habe.

Die aequatorfaust hatte jetzt einen gegner. Muhaha!

Doch an diesem abend kam der baer nicht. Ich ging in meine hoehle, die ich mit versteckte fallgruben gesichert habe. Auf meinem bambusbett schlief ich die erste nacht richtig gut und lange. Es musste 15 uhr nachmittag gewesen sein, als ich mich dazu in der lage fuehlte auf fruchtsuche zu gehen. Ich fand himbeeren, vogelbeeren und brombeeren.

Mit einem stein und etwas quellwasser bereitete ich mir daraus einen smoothie zu. Dazu zerstampfte ich die fruechte und sortierte die stueckchen raus, die mir zuwider waren. Das fruchtmark hatte eine besondere sueße, die ich sehr schaetzte. Die orangenen vogelbeeren bereiteten mir einige zeit spaeter krampfartige bauchschmerzen. Ich spuckte mehrmals. Es war ein fehler. Ich legte mich kurz hin um mich auszuruhen.

Als ich die augen aufmachte, sah ich den koala, er stand 2m von meinem ruheplatz entfernt vor meinen spuckepfuetzen und schnueffelte daran.

Kurze zeit spaeter drosch er wieder auf mich ein.

Abermals schlief die baerenfamilie auf mir.

Am darauffolgenden tag versorgte ich erst die verletzungen, dann arbeitete ich weiter an meiner kampftechnik. Als ich nicht mehr mochte, suchte ich vertrocknetes gras um ein feuerchen zu machen. Ich wollte so gern mal was warmes essen, denn das einzige gemüse auf der insel waren knueppelharte rueben. Ich hatte bock auf ruebenmus mit einem fruchtsalat als nachtisch.

So gingen die wochen dahin, als eines tages ein großer, weißer katamaran vor der insel lag und ein schlauchboot zum strand uebersetzte. Touristische besucher aergerten die schildkroeten, machten fotos. Man hörte, wie sie sich über ihre hotels austauschten "....natürlich nicht wie zuhause, aber immerhin sauber und nette bedienstete"

Ich naeherte mich vorsichtig dem grueppchen. Sie bemerkten mich sofort, winkten mich herueber, sie wollten ein andenkenfoto für ihre fotocd oder so.

"Ok", dachte ich, "ich mach ein foto, um dann den wunsch anzubringen in den naechsten hafen mitgenommen zu werden."
Der plan ging auf...

"Ja, das crewmitglied im weißen polohemd und schirmmuetze, willigte ein. Sie wuerden noch bis abends bleiben, des tollen sonnenuntergangs wegen.
"Gut, dann bis heut abend", sagte ich.

Ich ging voll gut gelaunt zu hoehle zurück um meine sachen zusammenzupacken."Morgen werde ich wieder im flugzeug nach luebeck sitzen", stellte ich mir vor.

Der himbeerwein, den ich angesetzt habe, schmeckte ganz ok.
Dazu naschte ich 3 pilze, weil das setting stimmte.
So erntefrisch schlugen die mehr ein.

Ich gab mich koerperlich gelaehmt dem pulsierenden farbenmeer hin, die baeume, die straeucher, die schildkroeten - sie alle waren jetzt umarmungen. Ein schmetterling kam von der nektarsuche zurück und landete auf meiner hand. Seine fluegel waren parallysierende vorhaenge aus spektralfarben. Die muster schienen sich zu bewegen, seine sorglose stimmung impfte er mit seinem saugruessel in meine venen. Seine beine kitzelten und sein gesicht stahlte eine selbstreflektierte, umfassende zufriedenheit aus. Riesenaugen! Er war sehr alt.

Als er abhob flatterte er wie in zeitlupe vor meinem gesicht und sprach: "die silbernen schiffe haben antworten für dich in ihren laderäumen - du hast noch ungestellten fragen in dir." stelle sie zum rechten zeitpunkt"

"Das werde ich, kleiner, bunter freund, das werde ich"

Als an diesem abend die sonne unterging, ging ich gedankenverloren zu meiner hoehle, ich wollte nicht zu spaet kommen oder was vergessen. Ich vernahm ein quieken und wimmern, als ich mich naeherte. Das koalababy war in die falle gegangen. Dabei war die falle für den großen, arschigen baeren gedacht!

Ich hatte ein sehr schlechtes gewissen und holte das junge aus dem erdloch. Es war sehr sandig und der klammerinstinkt war nicht angenehm. Es hatte schon sehr scharfe krallen.

Vater und mutter haben mich von einem baum aus beobachtet, ich konnte es aber nicht loswerden, es klammerte zu sehr. Also setzte ich mich hin und wartete. Die eltern kletterten vorsichtig runter. Beim anblick der mutter bemerkte das junge die verwechselung und krallte sich bei ihr fest. Es roch jetzt nach mensch, aber die mutter sah darüber hinweg, weil sie schon auf mir gepennt hatte und wusste, dass ich ohnmächtig keine gefahr darstellte, sondern sehr gut waermen wuerde.
Puh, das hatte lange gedauert, ich musste mich beeilen!

Ich rannte zum strand, aber das boot war fort. Diese bloeden scheißtypen, die haben ne volle speicherkarte mit daemlichen urlaubsfotos, sodass sie besoffen vor glueck ihr versprechen vergessen haben!

Als ich in meinen unterschlupf zurueck kam, war die baerenfamilie noch da. Sie verweilten; sie wussten, dass dankbarkeit das gebot der stunde war und zeigten sich von einer sehr friedlichen seite. Die sprache ihrer kleinen, grauhaarigen koerper war speziesübergreifend.

Das erste mal koennte ich sowas wie ein laecheln in ihren gesichter erkennen. Das koalababy schlief in den armen seiner mutter, der vaterbaer saß zufrieden daneben und aß paranuesse. Die quelle seiner kraft. Sein geheimnis. Er lies mich von seinem vorrat kosten, die gesunden fettsaeuren und der hohe kaloriengehalt breiteten sich in meinem organismus wie ein inneres leuchten aus. Ich bekam eine gaensehaut.

Wir saßen und aßen, ich machte ein kleines feuer. Ich blieb auf dieser insel und wurde ein bunter, alter schmetterling.

Es war der schoenste abend meines lebens.