Da fliegen die Wogen

wenn Mythen stranden - in 3 Akten

1.Akt

"Es gibt kaum einen menschlichen Beruf, der so alles Untüchtige ausstösst wie der des Seemanns." Heinrich v. Treitschke

Ahoi, el Capitán Dante Lazar sucht hoch oben im Mast sitzend mit dem Stroboskop den Horizont ab. "Arr, Land vorraus!"
Routiniert greift er in die Tentakelage und rutscht kugelblitzartig runter aufs Deck. Er übernimmt das Lenkrad und drückt flugs auf den Vollefahrt-Knopf *zack*
Über die Lautsprecher dudelt Kinderradio Rabauke, die Tracks von Rolf Zuckowski stacheln ihn immer wieder zu seemännischen Höchstleistungen an.
"Gibt es ein Leben nach dem Frühstück?" fragt er sich,
während sein Schiff, die MS Sznashdina, Fahrt aufnimmt...
Die See ist unruhig, die Wellen schlagen mit voller Wucht gegen die Planken des Stahlrumpfes. Die aufspritzende Gischt legt sich auf das vom Wetter gegerbte Gesicht des Kapitäns. Er schmeckt das Salz auf seinen Lippen. Durch seine Erfahrung kann er sogar nach Geschmack navigieren.
Es ist ein Katamoran wie in Waterworld. Dante sieht auch son bisschen aus wie Kevin Spacey, nur piratiger.
Im Hafenbecken:
*vor-zurück-knarz-vor-drück-rumms-zurück* Berstendes Holz und kreischender Stahl zerreissen die Stille von Burgstaaken....er ist grässlicher Binnenseemann; die offene See ist sein Zuhause.
Nach zahllosen Versuchen hat der Bootsanleger richtig gelitten.
Das Anlegen mag halt noch nicht so recht klappen....
Klappen ist das Stichwort:
"Durch die Augenklappe kann ich nicht mehr räumlich sehen" meint er entschuldigend zum Hafenmeister.
"Und das da, das war schon so."

"waaat?! Moin"§&$%Möwe&/%§!Krabbe$%&blabla" der Typ ist völlig aufgelöst und brabbelt nur unverständlichen norddeutschen Schwachsinn.
Kurze Zeit später: "mach dir keen Kopp, mien Jung" *zipp*

Dante musste tief in homoerotische Trickkiste greifen, um den Mann zu beschwichtigen...
"In den letzten Jahren habe ich 3x den Erdball umrundet, einmal davon ohne Zwischenstopp, um jetzt im Hafen von Fehmarn von einem 60jährigen missbraucht zu werden", dachte Dante, während sein Körper von heftigen Stößen erschüttert wird.
Der Hafenmeister sabbert auf den muskulösen Rücken des Seemanns. Speichel der Lust.
"Du hast meinen Bootsanleger nicht umsonst ruiniert" tack! tack! tack!...
Dante wünschte, er wäre woanders. Fehmarn hat ausser Rapsfeldern und Windrädern nix zu bieten. Ein Hort der Langeweile im erbarmungslosen Ostmeer, was schon so vielen Seemannsfrauen ihre Männer und Söhne genommen hat.


2.Akt

"Denn wer den Schatz, das Schöne heben will, bedarf der höchsten Kunst: Magie der Weisen." Faust2

Etwa 300 Seemeilen entfernt, auf einem ganz anderen Schiff...
Die Besatzung des Kakaofrachters "Santa Penetrada" zählt 12 Mann.
Seit dem Ablegen in Puerto de San Josè, Costa Rica, sind 2 Passagiere an Bord.
Die beiden teilen sich die einzig freie Kabine, reden aber kein Wort miteinander.
Sie sind Rivalen.
Es sind 2 sehr kleinwüchsige Männer, ihre Hautfarbe ist Schwarz und sie tragen rotblaue Samtkostüme mit Puffärmeln. Einer ist alt, der Andere jung.
Der junge von den beiden hat ein sorgfältig poliertes Silbertablett und macht damit provozierende, aber dennoch sehr gekonnte, fast magischen Fuchtelbewegungen.
Das reizt sein Gegenüber bis ins Unermessliche, denn es ist eigentlich sein Tablett.
Sein Rivale hat es ihm am Anfang der Reise mit dem oh-das-ist-aber-ein-schönes-Tablett-kann-ich-es mal-anschauen-Trick abgeluchst.
"ok, könnte ichs wiederhaben, jetze?"
"nö, du, das ist jetzt mein Tablett"
Er hat das Tablett nun fast hundert Jahre besessen, denn er ist das Aushängeschild für einen sehr bekannten Schokoladenhersteller.

Der kleine, alte Mann besinnt sich mit einem Lächeln zurück:
Damals in Afrika wurde er, wie viele Jungen aus seinem Dorf, zu einem Casting eingeladen; von den fein gekleideten Herren wurde er anfangs nur "Negerbub" genannt, aber mit der unendlichen Freundlichkeit, weshalb alle ihn in der Schule "Sunny Sunshine" nannten, eroberte er auch rasch die durch ethnische Vorurteile verschlossenen Herzen der Herrn Großkapitalisten.
Es folgen zahllose Fernsehsendung, seine Silhuette ziert Millionen von Schokotafeln.
In seiner Heimat kennt man ihn kaum noch, er meldete sich anfangs regelmäßig, aber dem Kontostand wuchs auch die Distanz zu den Daheimgebliebenen. Seine Mutter, Mama Adeba, wartete immer länger neben dem einzigen Telefon im Dorf.
Ihr Sohnemann rief irgendwann nur noch einmal im Jahr an und verlernte bald seine Muttersprache.                

3.Akt

"Bevor man die Welt verändert, wäre es vielleicht doch wichtiger, sie nicht zugrunde zu richten." Paul Claudel

Angekommen in der Mohrenstraße, Berlin:
Die schwere, lederbesteppte Doppeltür vom Oberboss öffnete sich einen Spalt und eine miese kleine Männerstimme zischte mit niederländischem Akzent: "Psst, du hast grünes Licht"
Die jungen, hassbeseelten Augäpfel des Magiers der Sinne blitzen boshaft auf.
"so,so - ich bin jetzt der Boss! verschwinde, wie ein Pfurz im Winde!"
"aber, ick bin seit Jahrzehnten im Betrieb weeeste, ick hab Familie zu versorjn"
"Wie ist mein Name, Mohr? Ich bin der MAGIER der SINNE! das heißt, ich weiß, dass DU mir Unsinn erzählst" brüllt er. (dabei stets dynamisch, flexibel und fortschrittlich)
"...und wat ist mit meener Frau? wie soll ick ihr dit erklären?"
"Das Schokobusiness ist ein hartes Pflaster, das wusstet ihr, bevor ihr geheiratet habt! Verurteile das Spiel, nicht die Spieler! Der Sarottimohr war gestern, wir brauchen was frisches, eine neue Botschaft... Magier können verzaubern, der Mohr kann gar nichts mit dem dummen Tablett da!"

Plötzlich wird dem alten Sarottimohren schummerig. Er fasst sich mit Daumen und Zeigefinger in die Augenwinkel rechts und links von seiner Nase, ihm wird schwarz vor Augen, sein stolzer Hut mit dem S auf der Stirn fällt wie ein Kissen lautlos vor ihm auf den Boden.
Das Tablett blitzt im Licht der Neonröhren, als es auf und nieder geht.
Die Schläge hallen durch die langen Flure des altehrwürdigen Firmensitzes in der Mohrenstraße.
Als der rote Saft kommt, lässt der Magier das verbeulte Tablett zu Boden fallen.
Eine Zeit findet ihr Ende.
"Sunny, komm nach Hause!"

Quellen: der Sarottimohr *zzz...zzz* waterworld